
Da Hanser für diesen Herbst den dritten und letzten Roman Iwan Gontscharows, „Das Steilufer“ angekündigt hat, habe ich mir nun endlich die Zeit genommen, um die 2021 erschienene Neuübersetzung seines ersten Romans zu lesen. Der Roman ist 1847 zuerst gedruckt worden und war damals ein erheblicher Erfolg. Im Ausland hat er immer im Schatten von „Oblomow“ gestanden, wohl im Wesentlichen deshalb, weil seinem Protagonisten bei weitem die Originalität Oblomows mangelt.
Erzählt wird hauptsächlich die Geschichte Alexander Fjodorytsch Adujews, eines Zwanzigjährigen aus der Provinz, der in den 1820-er Jahren von seiner Mutter eher widerwillig nach Petersburg zu seinem Onkel Pjotr Iwanytsch geschickt wird, um dort in einem Ministerium als Beamter Karriere zu machen. Alexander ist ein extrem romantischer und idealistischer junger Mann – wobei der Leser nie erfährt, wie er sich diese Behinderungen zugezogen hat –, der damit nicht nur bei seinem äußerst pragmatischen und gefühlskalten Onkel auf Unverständnis, sondern auch in der Welt auf manche Enttäuschung stößt. Nachdem er von der Liebe, der Freundschaft und seinem mangelnden schriftstellerischen Erfolg enttäuscht ist, wird er eine Art Prä-Oblomow, zieht sich von der Welt aufs Sofa zurück und versumpft. Das Gegenwicht zur Überspanntheit Alexanders bildet neben dem Onkel dessen junge Frau, die als verständnisvolle mütterliche Freundin immer wieder versucht, einen Ausgleich zwischen den beiden Antagonisten herzustellen.
Der Roman exzelliert darin, die gesamte dünne und vorhersehbare Handlung in ausführlichsten und umständlichsten Gesprächen auszubreiten und durchzudeklinieren. Während dieses systematische Aneinandervorbeireden für eine Weile noch ganz witzig ist, ermüdet es den Leser schließlich doch, so dass ich eingestehen muss, besonders im zweiten Teil des Buches das eine oder andere Gespräch eher quergelesen zu haben. Was von wem gesagt wird, ist ohnehin klar und nur eine bestätigende, an einem neuen Fall erneut demonstrierte Wiederholung des bereits Gesagten.
Alles geht jedenfalls gut aus: Nach acht Jahren kehrt Alexander zu seiner Mutter aufs Land zurück, wo er über einige Jahre hinweg „heilt“. Als nun gestärkter, pragmatischer Mitdreißiger taucht er erneut in Petersburg auf, heiratet eine wohlhabende junge Frau, erhält endlich die Zustimmung seines pragmatischen Onkels und wird ein braver russischer Bürger wie tausende mehr. Es darf stark vermutet werden, dass Gontscharow in diesem Buch wenigstens zum Teil seine eigene Entzauberung zu einem nützlichen Mitglied der russischen Gesellschaft verarbeitet hat. Nur über sein eigenes schriftstellerisches Talent dürfte er vielleicht anderer Meinung geblieben sein.
Für den heutigen Leser nicht ohne Längen, literarhistorisch als ein Baustein in der Entwicklung etwa zu Dostojewskis Romanen hin aber nicht uninteressant.
Iwan Gontscharow: Eine gewöhnliche Geschichte. Aus dem Russischen von Vera Bischitzky. München: Hanser, 2021. Leinen, Fadenheftung, Lesebändchen, 512 Seiten. 38,– €.








