Thomas Bernhard: Die Autobiographie

… aber hier wird auf das Kopfschütteln, gleich auf welcher Seite und mag sie sich als die kompetenteste ansehen, keinerlei Rücksicht genommen.

Zwischen 1975 und 1982 sind fünf au­to­bio­gra­phisch unterfütterte Erzählungen von Thomas Bernhard erschienen, die 2004 innerhalb der Werkausgabe bei Suhrkamp erstmals in einem Band, dem Band 10 unter dem herausgeberischen Titel Die Autobiographie zusammengefasst wurden. Die Herausgeber dieses Bandes stellen selbst fest, dass der gewählte Titel nicht durch irgend eine Äußerung des Autors gestützt werden kann. Es soll hier nicht diskutiert werden, inwieweit dieser neue Titel und die neue Form die Wahrnehmung und das Verständnis dieser Erzählungen beeinflussen, denn dazu wäre als Vergleichsgröße eine Dokumentation des Verständnisses eines Lesers vonnöten, der die Erzählungen etwa kontinuierlich mit ihrem Erscheinen gelesen hätte; allein schon das wäre wohl weit von jeder Realisierbarkeit entfernt. Doch genug des Nominalstils.

Die Reihe der Erzählungen beginnt mit der Internatszeit Bernhards in den letzten Kriegs- und ersten Nachkriegsmonaten in Salzburg. Der Ich-Erzähler leidet sowohl unter dem Regiment des faschistischen Direktors Grünkranz als auch seines katholischen Nachfolgers „Onkel Franz“. Dieser erste Band, Die Ursache. Eine Andeutung (1975) endet mit dem Entschluss des Erzählers das Gymnasium zu verlassen und eine Lehre bei einem Lebensmittel-Händler zu beginnen. Der Keller. Eine Entziehung (1976) knüpft direkt an dieses Ende an und verfolgt die Lebensgeschichte weiter bis zum Abbruch der Lehre durch eine Lungenerkrankung, die sich der Erzähler beim Abladen einen Fuhre Kartoffeln im Regen zugezogen hat. Der Atem. Eine Entscheidung (1978) berichtet vom sich anschließenden Klinikaufenthalt, Die Kälte. Eine Isolation (1981) von der nachfolgenden Kur. Der letzte Band Ein Kind (1982) springt chronologisch in die Zeit vor Die Ursache und beginnt mit einer Radtour, die der Erzähler als Achtjähriger ohne die Erlaubnis seiner Mutter nach Salzburg unternommen hat, auf der er aber verunglückt, ohne sein Ziel zu erreichen. Nimmt man den erzählerischen Anspruch für einen Moment ernst, so erzählt Bernhard hier sein Leben einigermaßen kontinuierlich zwischen dem achten und dem neunzehnten Lebensjahr nach.

Dabei sind alle fünf Erzählungen beherrscht vom Ton und der Geisteshaltung des erwachsenen Erzählers, seinem durchgehenden Ressentiment eines Außenseiters gegen die Gesellschaft, den Menschen schlechthin, die Österreicher und die Salzburger im speziellen, dem unvergessenen und unverziehenen Leid des von einem ambitionierten Großvater durch diverse Künste (Geigenspiel, Gesang, Malerei) getrieben Kindes, das zusätzlich unter dem Druck einer ihm in Hass-Liebe zugetanen Mutter leidet und keinen heimischen Ort in der Welt finden kann. Die Texte sind einerseits durchaus bewegend, andererseits in der typischen Bernhardschen Manier nervtötend und penetrant. Bernhard zelebriert in dem Kind und Jugendlichen, von dem er erzählt, seine Verletztheit, Einsamkeit und Misanthropie. Es fehlt diesen Büchern in weiten Teilen der sonst oft bei ihm vorherrschende bissige oder auch zynische Humor, der hier ersetzt wird durch ein eher unverstelltes, aber distanziert geschildertes Mitleid mit sich selbst als Kind. Diese größere Unmittelbarkeit sollte einen jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch diese Texte hoch stilisiert sind, dass die permanenten Wiederholungen, Reformulierungen und Variationen (die durchaus auch als musikalisches Element verstanden werden können) eine mehrfache Überschreibung des Erinnerten durch einen dies Erinnern instrumentalisierenden Erzähler darstellen.

Die fünf Erzählungen bilden einen guten Einstieg in den Bernhardschen Kosmos: Wer ausprobieren möchte, ob er mit Bernhards Stil zurecht kommt, kann es mit irgendeinem der Bände probieren; vielleicht ist Die Ursache der beste Prüfstein. Es ist aber nicht notwendig, bei der Lektüre die innere Chronologie oder die der Veröffentlichung einzuhalten.

Thomas Bernhard: Die Autobiographie. Werke Bd. 10. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2004. Leinen, Fadenheftung, Lesebändchen. 582 Seiten. 42,– €.

Gustave Flaubert: Memoiren eines Irren

Es wäre ein Fehler, in all dem hier etwas anderes zu sehen als die Nörgeleien einen armen Irren. Ein Irrer!
Und Sie, Leser – Sie haben vielleicht vor kurzem geheiratet oder Ihre Schulden bezahlt?

Nachdem ich Elisabeth Edls Übersetzung der Éducation sentimentale vorerst übersprungen habe – zum einen, weil es zeitlich nicht passte, zum anderen aber sicherlich auch, weil ich über die Übersetzung des Titels mit Lehrjahre der Männlichkeit doch etwas erschrocken war –, folgt nun also, im Jahr seines 200. Geburtstages, die Neuübersetzung von Flauberts erstem ernsthaften Versuch, einen Roman zu schreiben. Der Text, der keine 100 Druckseiten umfasst, ist zu Lebzeiten des Autors nicht veröffentlicht worden, und man darf davon ausgehen, dass sich Flaubert seiner Schwächen sehr bewusst war.

… Mir ist alles so zuwider, dass ich einen tiefen Ekel davor empfinde weiterzuschreiben, nachdem ich das Vorangehende gelesen habe.
Können die Werke eines gelangweilten Mannes die Leser amüsieren?

S. 40

Aber natürlich zeigt sich die Wichtigkeit eines Autors eben auch darin, dass nach seinem Tod sein Nachlass herausgegeben wird.

Im Falle der Memoiren eines Irren geschah dies zuerst Ende 1900, 20 Jahre nach dem Tod Flauberts. Die Erzählung, die nur ehrenhalber die Bezeichnung Roman verdient, ist deshalb interessant, weil hier schon einige der Motive durchgespielt werden, die in den späteren Werken eine Rolle spielen. Zentral dürfte dabei die Beschreibung der ersten Verliebtheit des Erzählers in eine ältere, verheiratete Frau sein, die deutlich auf die Liebe Frédéric Moreaus aus L’Éducation sentimentale vorausweist. Außer diesen einzelnen Motiven ist der Text weitgehend lamoyant, verbunden mit einer für einen 17-Jährigen doch recht künstlichen Welt- und Menschenfeindlichkeit. Der Erzähler tut sich selbst unendlich leid, was den Leser ungefähr so kalt lässt, wie es Flauberts spätere Erzähler sind. Literarisch ist das beste am Text, dass er nicht länger ist.

Um dem Band etwas mehr Umfang zu geben, hat man eine Auswahl früher Briefe Flauberts hinzugefügt, die – wie Flauberts Briefe überhaupt – immer interessant und lebendig sind. Die wichtigste Stelle im Buch aber ist diese:

Wolfgang Matz hat auch diesen Band als Lektor begleitet; dass er der Einladung folgte, zum (wenigstens vorläufigen) Abschluss dieser Flaubert-Jahre auch das Nachwort beizusteuern, …

S. 200

Es wird also auf absehbare Zeit keine Übersetzung von Bouvard et Pécuchet durch Elisabeth Edl geben. Fassen wir uns also in Geduld.

Gustave Flaubert: Memoiren eines Irren. Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Edl. München: Hanser, 2021. Leinen, Fadenheftung, Lesebändchen, 240 Seiten. 28,– €.

Jean-Yves Ferri / Didier Conrad: Asterix und der Greif

Und wieder einmal ein nur eher mäßig gelungener Asterix-Band. Nach bewährtem Muster werden kleine Episoden aneinandergeklebt bis eben die 48 Seiten wieder einmal voll sind. Diesmal ist das Reiseziel die unendliche Weite Russlands (lateinisch: Barbaricum) und das napoleonische Heer ein römisches Expeditionsheer wurde von Cäsar ausgesandt, um den legendären Greif zu fangen und nach Rom in den Zirkus zu schleifen. Nun fragt man sich zu Recht, was denn das die Gallier angeht, und so muss der lokale sarmatische Schamane Terrine einen Traum haben, der ihm mitteilt, Rettung (wovor, wird an keiner Stelle geklärt) könne nur von den Galliern kommen, was ihn (den Schamanen, nicht den Traum) veranlasst, per Traumtelegramm seinen alten Kumpel Miraculix herbeizurufen, der natürlich in Begleitung von Asterix und Obelix kommt. Damit hat er auch schon seine Schuldigkeit getan. Am Ende erfindet er noch den Borschtsch, damit er überhaupt irgendetwas zu tun hat, während Asterix und Obelix eine Armee sarmatischer Amazonen davon abhalten, die Geschichte zu früh zu beenden.

Die Geschichte besteht hauptsächlich aus retardieren Elementen und stellt eine Art von Comic-Adaption des militärhistorischen Teils von Krieg und Frieden dar. Einige Details sind ganz witzig (skythische Scouts (vielleicht ist das Wortspiel auf Französisch lustiger), die eine Art von Reiseführersprache sprechen; die römische Legion, die von Aber- und Verschwörungsglauben jeglicher Art geplagt wird (dass der Haupt-Verschwörungstheoretiker buchstäblich grün ist, fand ich nun eher unwitzig); Idefix, der sich nebenbei zum Anführer eines Wolfsrudels mausert und sicherlich noch dies und das), aber insgesamt ist es eine eher langatmige, schlecht erfundene Geschichte, die mehr eine Ausrede für einen neuen Asterix-Band bildet, als dass sie wirklich für sich selbst stehen könnte.

Nun gut, in zwei Jahren kommt der nächste Band.

Jean-Yves Ferri / Didier Conrad: Asterix und der Greif. Asterix Bd. 39. Berlin: Egmont Ehapa, 2021. Bedruckter Pappband, 48 Seiten (28,8 × 22,4 cm). 12,– €.

Susanne Fischer: »Julia, laß das!«

Julia, oder die Gemälde ist der letzte Roman, an dem Arno Schmidt bis zu seinem zum Tode führenden Schlaganfall gearbeitet hat. Die 100 Typoskriptseiten, die fertig wurden, sind 1983 in der damals üblichen Weise als photomechanische Wiedergabe bei Haffmans erschienen; seit 1992 gibt es auch die gesetzte Fassung innerhalb der Bargfelder Ausgabe. Diese 100 Seiten sind einerseits typisch für das Spätwerk (eine Gruppe von Erwachsenen, der eine Gruppe von Jugendlichen gegenübergestellt ist; eine weitere Gruppe von Hippies (hier variiert als Hexen), die als gesellschaftliche Außenseiter nur sich und ihrer Lust leben; eine einzelne, etwas geisterhafte junge oder wie hier auch sehr junge Frau, die zwischen diesen Gruppen osziliert; Gespräche über abgelegene und halbvergessene Literatur und Schmidts psychoanalytisch unterfütterte Etymmystik; eine reduzierte Handlung, die in der Hauptsache dazu dient, die Figurenkommunikation zu steuern), andererseits bilden eine Reihe von Autoren das literarische Unterfutter des Buches, die bislang bei Schmidt nur eine kleine oder gar keine Rolle gespielt hatten (Balduin Möllhausen, Jakob Lorber, Friedrich Thesmar, H. P. Lovecraft oder Rider Haggard).

Erzählanlass ist, dass bei einem Besuch des Bückeburger Schlosses sich das junge Mädchen Julia aus dem Gemälde „Die vier Schwestern von Oranien“ von Jan Mytens (das existierende Gemälde zeigt eine Gruppe erwachsener Frauen) in den alternden und herzkranken Schriftsteller Leonhard Jhering verkuckt, aus ihrem Bild heraussteigt und von nun an bis zum Ende durch den Roman geistert. Eines der geplanten Enden des Romans sieht vor, dass Jhering zusammen mit Julia ins Bild zurückgekehrt ist und dort nun der Zeitlichkeit entrückt der Ewigkeit entgegenexistiert.

Natürlich war schon bei Erscheinen des Typoskripts 1983 eine für Schmidt-Leser wichtige Frage, was zwischen der Seite 100 und diesem möglichen Ende noch alles durchgespielt werden sollte. So veröffentlichte Haffmans 1985 im Arno-Schmidt-Raben einen ersten Satz von 41 Notizzetteln aus dem Zettelkasten zur Julia. Seitdem bestand mehr oder weniger die Hoffnung (oder eben auch die Befürchtung), dass eine Edition der kompletten Notizzettel aus dem Zettelkasten zur Julia zumindest eine Ahnung von dem geben könnte, wie Schmidt den Roman fortgesetzt hätte. Dieser Hoffnung wurde jetzt mit dem Buch von Susanne Fischer ein Ende gesetzt: Weder wird es in absehbarer Zeit eine vollständige Publikation des Zettelkastens geben, noch gibt es irgendeine Möglichkeit aus dem vorhandenen Nachlass-Material eine auch nur irgendwie geartet Extrapolation der nicht geschriebenen Teile des Romans zu leisten. Selbst Elemente, die sich aus den ganz allgemeinen Entwürfen ablesen lassen – so etwa die Überfahrt zum Wilhelmstein, der dabei erfolgende Schiffbruch und die dann erzwungene Existenz auf der Insel – bleiben vollständig abstrakt, weil entweder kein, nur unzureichendes oder gar widersprüchliches Material im Kasten vorliegt.

Grundsätzlich geben die Zettel zur Julia denselben Eindruck wie andere ganz oder teilweise bekannte Zettelkästen zu anderen Werken: Ohne den Kopf des Autors sind sie weitgehend wertlos und liefern nur unverbundene Details, von denen nicht einmal sicher ist, wie und in welcher Reihenfolge sie im Roman letztlich verarbeitet werden sollten. Was Susanne Fischer nun als Ersatz für einen kompletten Abdruck der Notizzettel liefert, ist eine allgemeine Beschreibung von dessen Inhalt – mit dem Hauptgewicht auf jenem Teil, der für die noch ungeschriebenen Kapitel der Julia vorgesehen war – mit zahlreichen Einzel-Beispielen. Überraschendster Befund ist dabei, dass ein Großteil der Zettel der Sexualität, konkreter der Beschreibung diverser Geschlechtsakte gewidmet ist. Sex im Alter bzw. älterer Menschen scheint ein weiteres, den Autor sehr beschäftigendes Thema gewesen zu sein. Fischer betont mehrfach zu Recht, dass sich nicht erkennen lasse, wie viel des gesammelten Materials am Ende verwendet worden wäre, aber zumindest lässt sich feststellen, dass sich die in Schmidts Spätwerk abzulesende Tendenz zur Aufspaltung der sozialen Welt in eine ästhetisch abgehobene, ins Phantastische grenzenlos übergehende und eine krude, weitgehend von Sexualität in diversen Spielformen bestimmte Wirklichkeit hier nahtlos fortsetzt. Die in Sitara und der Weg dorthin an der Werken Karl Mays und in Zettel’s Traum an denen Edgar Allan Poes durchgespielte Analyse der Literatur als verdeckte Darstellung der sexuellen Obsessionen ihrer Autoren zusammen mit Schmidts von Anfang an vorhandener Neigung zu dichotomen Unterscheidungen („Bezeichnend für uns Gemisch aus Scheiße und Mondschein.“ – Goethe und Einer seiner Bewunderer. BA I, 2. S. 200.) führen zu dieser zwar produktiven aber kaum wirklichkeitsnahen Weltsicht. Auch ist die beschriebene Welt der Romane glücklicherweise immer deutlich reicher, als deren Verständnis durch die Protagonisten erlauben sollte.

Insgesamt bringt der Band eine negative Bereicherung unseres Wissens um Arno Schmidt, in dem er jegliche Hoffnung aufhebt, das merkwürdige Fragment der Julia mit Hilfe des Nachlasses tatsächlich noch zum letzten vollständigen Roman Arno Schmidts destillieren zu können. Und es ist Susanne Fischer sehr zu danken, dass sie die sicherlich nicht einfache Entscheidung getroffen hat, den Erwartungen der Schmidt-Leser nicht nachzugeben und den Zettelkasten zur Julia Zettel für Zettel abdrucken zu lassen. Dass das eines Tages dennoch geschehen wird, ergibt sich aus dem Sinn und der Aufgabe der Arno Schmidt Stiftung nahezu von selbst. Ich wenigstens will hoffen, dann keine Bücher mehr kaufen zu können.

Susanne Fischer: »Julia, laß das!« Arno Schmidts Zettelkasten zu Julia, oder die Gemälde. Berlin: Suhrkamp, 2021. Klappenbroschur, Fadenheftung, 146 Seiten. 30,– €.

George Orwell: Reise durch Ruinen

Die Welt wird sich in drei Lager teilen, und letztlich werden davon zwei übrig bleiben, denn Großbritannien ist nicht stark genug, um allein zu stehen, und wird deshalb Teil des amerikanischen Systems werden. Die kleineren Nationen werden sich um die Großen gruppieren – entlang von Linien, die sich heute schon recht genau abzeichnen.

Orwell war, bevor er durch seine beiden späten Bücher berühmt wurde, schon länger als zehn Jahre unter anderem auch als Journalist tätig. Da er ein politisch interessierter Beobachter der europäischen Entwicklung war – im Gegensatz zu der Mehrheit der linken Intellektuellen Westeuropas hatte er ein sehr distanziertes Verhältnis zur Sowjetunion unter Stalin entwickelt –, war es nur natürlich, dass er sich im März 1945 im Auftrag des Observers mit den britischen Truppen auf den Kontinent begab, um im Rückraum der Front Eindrücke aus erster Hand zu sammeln und den englischen Zeitungslesern zu berichten.

Der vorliegende Band versammelt elf dieser Zeitungsberichte aus dem Jahr 1945 (nur einer davon beschäftigt sich speziell mit der Lage in Österreich), ergänzt um zwei Artikel von 1940 (über Hitlers Mein Kampf) und 1943 (über einen Band mit Essays von Thomas Mann) sowie einen abschließenden Essay zur aktuellen Weltlage, der zwar kurz vor dem Abwurf der ersten Atombombe am 6. August 1945 geschrieben wurde, aber dennoch eine sehr klarsichtige Analyse der politischen Weltlage liefert.

Die zehn Artikel zur Lage in Deutschland kreisen immer wieder um einige zentrale Themen:

  • Das Schicksal der Displaced Persons, also der nach Deutschland verschleppten Fremdarbeiter, die nun in ihre Länder zurückgeführt werden sollen, was in den letzten Kriegstagen eine nicht zu unterschätzende Aufgabe darstellt.
  • Die Schwierigkeit der Versorgung der Bevölkerung im kommenden Winter 1945/46, da es den Bauern an Arbeitskräften fehlt – die meisten deutschen Männer stehen noch im Feld oder sind Kriegsgefangene; die Zwangsarbeiter sind befreit und warten entweder auf ihren Rücktransport oder machen sich bereits selbstständig auf den Weg in ihre Heimat.
  • Die politischen Ansichten der Deutschen, speziell ihr Eindruck, dass die Alliierten nicht nach einem gemeinsamen Plan agieren und sich bald untereinander verstreiten werden. Er registriert bei den Deutschen immer erneut große Sympathien für die Briten und Amerikaner und Antipathie oder sogar Furcht vor den Franzosen und Russen. Er hält diese schiefe Wahrnehmung wohl zurecht für ein Hindernis bei der politischen Neugestaltung des Landes, für die zu dieser Zeit – der Krieg ist noch nicht zu Ende – noch keine offiziellen Pläne vorzuliegen scheinen.
  • Die herkulische Aufgabe des Wiederaufbaus Europas, wobei er nicht nur die zerstörten Städte Deutschlands im Blick hat, sondern auch die von den deutschen Streitkräften in England, Frankreich und Osteuropa hinterlassenen Zerstörung. Zu diesem Themenfeld gehören auch Überlegungen, dass eine Reorganisation der Industrie – zumindest soweit sie noch existiert – zu einer Friedenswirtschaft alles andere als rasch umzusetzen sein wird.

Trotz dieser natürlich durch Orwells unmittelbares Erleben bedingten thematischen Enge entsteht ein lebendiges Bild des Westens und Südwesten Deutschlands in den Wochen unmittelbar vor Kriegsende, in denen sich die Niederlage auch für die Deutschen schon klar abzeichnete. Für die wenigen Seiten, die der Band umfasst, ist er erstaunlich inhaltsreich und liefert zugleich einiges an Material zum Verständnis besonders von 1984.

George Orwell: Reisen durch Ruinen. Reportagen aus Deutschland und Österreich 1945. Aus dem Englischen von Lutz-W. Wolff. München: Beck, 2021. Bedruckter Pappband, 111 Seiten. 16,– €.

Michael Köhlmeier: Gedanken, als ob sie zur Mitternacht gedacht worden wären, und ein Gespräch mit einem Freund

Es ist auch für eine kleine, eher unauffällige Buchreihe in einem großen Verlag eher ungewöhnlich, in ihr einen so bekannten und weitverbreiteten Text wie E. T. A. Hoffmanns Der goldene Topf in einer Einzelausgabe neu herauszugeben, umso mehr, wenn es sich um einen einfachen Nachdruck aus einer anderen Ausgabe handelt, es also keine philologisch bemerkenswerten oder wenigstens ungewöhnlichen Abweichungen zu bisherigen Ausgaben gibt. Dennoch ist es hier geschehen, und ich erlaube mir anzunehmen, dass es ausschließlich deshalb geschehen ist, um Michael Köhlmeiers Nachwort – Gedanken, als ob sie zur Mitternacht gedacht worden wären, und ein Gespräch mit einem Freund – beides in Hoffmans Manier abdrucken zu können und dennoch ein Büchlein von nennenswertem Umfang zu erhalten.

Ich erlaube mir daher, hier nicht die Erzählung Hoffmans vorzustellen – das findet man schon anderswo –, sondern mich auf das Nachwort Köhlmeiers zu konzentrieren. Köhlmeier erzählt darin von einem jungen Freund, ebenso Schriftsteller wie er, der zu ihm in einer Art von Schüler-Verhältnis steht, ihn wenigstens als erfahreneren und gebildeteren Mentor ansieht. Diesen jungen Mann habe Köhlmeier gebeten, Hoffmanns Der goldene Topf zu lesen, und Köhlmeier berichtet nun das sich an diese Lektüre anschließende Gespräch. Der junge Mann ist weitgehend unbeleckt von jeglicher Kenntnis der Literatur des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts und liest den Text nach dem Hinweis Köhlmeiers als ein Märchen, ohne seinen biographischen, kulturellen oder historischen Hintergrund zu kennen.

Es ist nicht verwunderlich, dass der junge Mensch einen – aus der Sicht von jemandem, der mit dem Hintergrund des Textes und der Biographie des Autors etwas vertrauter ist – recht schiefen, aber nicht gänzlich falschen Eindruck von dem Text bekommt. Dem wird in dem Gespräch die Begeisterung und tiefe Verehrung Köhlmeiers entgegengesetzt, so dass wir einerseits einen verstörten Blick auf ein literarhistorisches Fragment, andererseits einen enthusiasmierten Blick auf ein geliebtes Stück der persönlichen Lesegeschichte Köhlmeiers haben, die einander unvermittelt gegenüberstehen. Der Text ist nett zu lesen, er bleibt aber als Essay zu flach und als Erzählung zu ziellos. Und als Werbetext für E. T. A. Hoffmann steht er am falschen Ort.

Es ist zu vermuten, dass es sich um ein Seitenstück zu dem jüngst bei Hanser erschienenen Roman Matou von Michael Köhlmeier handelt, der einen schreibenden Kater in der Tradition des Hoffmannschen Katers Murr erfindet, der seine sieben Leben autobiographisch nacherzählt.

Mich selbst hat der Text einmal mehr neugierig auf den Romanschriftsteller Köhlmeier gemacht, und ich habe sein Abendland mal nach oben auf den SuB gelegt. Mal sehen, was die Zeit bringt.

E. T. A. Hoffmann: Der goldene Topf. Mit einem Nachwort von Michael Köhlmeier. München: Beck, 2021. Bedruckter Pappband, 128 Seiten. 16,– €.

Johann Wolfgang Goethe: Italienische Reise

Ja, ich kann sagen, dass ich die höchste Zufriedenheit meines Lebens in diesen letzten acht Wochen genossen habe und nun wenigstens einen äußersten Punkt kenne, nach welchem ich das Thermometer meiner Existenz künftig abmessen kann.

Nach zehn Jahren in Weimarischen Diensten schleicht sich der Minister Dr. von Goethe am 3. September 1786 von Karlsbad aus fort und reist endlich dorthin, wohin er schon 1775, vor seinem kurzen Abstecher nach Weimar, unterwegs gewesen war: nach Italien. Dies sollte sich als wichtigste Epoche seines Lebens erweisen, als die Zeit, in der er sich endgültig für ein Leben als Schriftsteller und Künstler entschied. Seine Rückkehr nach Weimar war – aus emotionalen wie aus ökomischen Gründen – unausweichlich, doch hatte er in Rom die Form der Existenz gefunden, die seinen Talenten und seine Bedürfnissen angemessen war.

Täglich wird mir’s deutlicher, dass ich eigentlich zur Dichtkunst geboren bin, und dass ich die nächsten zehen Jahre, die ich höchstens noch arbeiten darf, dieses Talent exkolieren und noch etwas Gutes machen sollte, da mir das Feuer der Jugend manches ohne großes Studium gelingen ließ.

In Rom erst ist Goethe zu dem Goethe geworden, der in den nächsten zumindest 100 Jahren zu einer kultischen Figur der deutschen Kultur werden sollte. Er konnte von Glück sagen, dass der Weimarer Herzog Karl August ihm in echter Freundschaft verbunden war und die Verschiebung des Lebensschwerpunktes Goethes vom Staatsbeamten zum Künstler nicht nur akzeptiert, sondern in den folgenden Monaten und Jahren auch tatkräftig ermöglicht hat.

Die Italienische Reise ist von Goethe als der zweite Teil seiner Autobiographie begriffen und gearbeitet worden. Der vorliegende Text stellte eine – durchaus uneinheitliche – Bearbeitung von Tagebüchern, Briefen und anderen Texten dar, die während der Reise entstanden waren. Nachdem er im Sommer 1813 die Arbeit an Dichtung und Wahrheit vorläufig abgebrochen hatte (der dritte Band erschien 1814, der vierte erst 1833 postum), wendet er sich dem Material zu, das seine erste Reise nach Italien dokumentiert. Es setzt nun – mit langen Unterbrechungen – über mehr als drei Jahre hinweg eine Auswahl und Überarbeitung dieser Aufzeichnungen und Briefe ein, die 1816 und 1817 zur Veröffentlichung der ersten beiden Bände führen. Erst 1829 wird Goethe dann den geplanten Abschlussband Zweiter Römischer Aufenthalt fertigstellen, der sich in Aufbau und Sprache deutlich von den beiden vorangegangen Teilen unterscheidet. Erst mit dem Erscheinen des dritten Bandes wählt Goethe für alle drei Teile den Titel Italienische Reise, wohl als Versuch, die innere Zusammengehörigkeit der sonst recht disparaten Texte zu betonen.

Ich bin im Dante-Jahr eher zufällig wieder einmal in die Italienische Reise hineingestolpert auf der Suche nach einer vage erinnerten Stelle, an der Goethe mit einem italienischen Dante-Enthusiasten aneinandergerät, der Nicht-Italienern schlicht jede Möglichkeit abspricht, die Commedia verstehen zu können. Die Lektüre von nur wenigen Seiten hat mir ein so überraschendes Vergnügen bereitet, dass ich das Buch zum ersten Mal komplett und in einem Zug gelesen habe. Besonders der erste Teil, der ganz nah am unmittelbaren Erleben geschrieben zu sein scheint, ist in einer so beweglichen und ansprechenden Prosa geschrieben, wie sie sich andernorts bei Goethe nur selten findet. Besonders meine letzten Lektüren seiner späteren Romane (Wahlverwandtschaften, Lehrjahre und Wanderjahre) hatten mich höchst unzufrieden mit der trockenen und weltarmen Prosa Goethes zurückgelassen. In der Italienischen Reise nun findet sich ein komplett anderer Ton und eine Welthaltigkeit, mit der ich bei ihm nicht mehr gerechnet hatte.

Natürlich fällt der späte, dritte Teil in dieser Hinsicht ab: Die Aufteilung des Textes in Wiedergabe von Korrespondenz und Bericht unter zusätzlicher Einschiebung essayistischer Teile (einer sogar aus der Feder von Karl Philipp Moritz), von denen der Leser nicht so ganz sicher ist, warum er das gerade hier lesen soll, macht den Text deutlich steifer und weniger lebendig; auch der Versuch der Einflechtung einer Liebesgeschichte hilft dem nicht auf.

Wer sehen will, was Goethe als Prosaautor konnte und vielleicht auch als Roman-Autor hätte können können (auf einen berechtigten Zuruf hin sei der Werther von diesem Urteil ausdrücklich ausgenommen), dem seien besonders die ersten beiden Teile der Italienischen Reise zur Lektüre anempfohlen. Eine – für mich wenigstens – überraschende Wiederentdeckung im Ozean der Goetheschen Schriften.

Johann Wolfgang Goethe: Italienische Reise. Kindle-Ausgabe. Stuttgart: Reclam, 2020. 605 Seiten (Druckausgabe). 9,99 €.

Hölderlins Gedichte von Mörike

Ich habe auf dem Nachttisch eine kleine Handbibliothek stehen von einigen hübschen Büchlein, die ich immer gern zur Hand habe. Der Bestand ist fließend, aber sehr träge fließend, und im letzten Jahr ist ein neuer Band hinzugekommen. Ich hatte ihn extra zu diesem Zweck bestellt und nach ein wenig Blättern dort abgestellt. Erst gestern aber fiel mir auf, dass dort ein Band mit den sämtlichen Gedichten Mörikes stand.

Nun habe ich nichts gegen die Lyrik Mörikes, aber so nahe sind mir die Gedichte des Pastors von Cle­ver­sulz­bach dann doch nicht, dass sie an diesen Ort gehört hätten. Ein erneutes Blättern in dem Band ließ mich noch mehr stutzen, denn die Verse lasen sich so gar nicht, wie ich Mörike in der Erinnerung hatte.

Erst ein Blick aufs Titelblatt klärte mich zu meiner Erleichterung auf: Der Fehler lag, lieber Brutus, wenigstens diesmal nicht in meiner Brust, sondern beim Buchbinder. Na, wenigstens sind es beides Schwaben. Wahrscheinlich ist es nicht das einzige Exemplar dieses Kuriosums.

Friedrich Hölderlin: Sämtliche Gedichte und Hyperion. Berlin: Insel, 72020. Bedruckter Leinenband, 665 Seiten. 22,– €.

Stephen Fry: Mythos / Heroes / Troy

It all gets very confusing and is best left to academics and those with time on their hands.

In Deutschland haben wir in nahezu jedem Bücherschrank „Die schönsten Sagen des klassischen Altertums“ von Gustav Schwab stehen. Wer es nicht zur Konfirmation bzw. Kommunion geschenkt bekommen hat, erbt es irgendwann oder – in ganz verzweifelten Fällen – kauft es sich, weil man das doch einmal richtig wissen will. Die einen haben noch das fragwürdige Glück, ein „für die heranwachsende Jugend“ bearbeitetes Exemplar zu besitzen, während andere wenigstens versuchen, sich durch den originalen Text aus den 1830er Jahren zu arbeiten.

Schwab schrieb seine Darstellung antiker Mythen für die erwachsene Leserin seiner Zeit, die sich bewusst war, dass sie für die Lektüre der gerade entstehenden klassischen und romantischen Fossilien die griechische Mythologie präsent haben sollte. Schwab sah sich gezwungen, seine Auswahl und Nacherzählung an die Sensibilität seiner Rezipientinnen anzupassen. So wie es im viktorianischen England den für den Familiengebrauch chemisch gereinigten Shakespeare der Geschwister Lamb gab, so folgt Schwab konsequent seinem Programm, nur die „schönsten“ Sagen seinen Leserinnen zu präsentieren. Daraus folgt zuerst einmal, dass die in der Hauptsache aus Verrat, Mord, inzestuösem Sex und Kannibalismus bestehende Theogonie – also die Geschichte von der Entstehung der Welt und der Götter – bei ihm so gut wie gar nicht vorkommt. Auch sonst ist Schwab so dezent wie möglich, und er behandelt seinen Stoff ganz ernsthaft als hohes und notwendiges Bildungsgut. Man kann schon an dieser Beschreibung ablesen, warum ein solches Projekt in Deutschland dauerhaft Erfolg haben musste.

Und so verhindern die universale Verbreitung des Schwab und seine kommerziell attraktive Gemeinfreiheit, dass wir in Deutschland eine elegante und zeitgemäße Nacherzählung der griechischen Mythen der Antike aus der Feder eines großen Stilisten haben. Zum Glück kann eine Übersetzung jetzt diese Lücke füllen!

Stephen Fry ist eine der erstaunlichen Multibegabungen, derer sich das englische Königreich rühmen darf: Zumindest als Schauspieler, Moderator, Regisseur und Schriftsteller hat er schon geglänzt, er ist ein mehr als ordentlicher Musiker, und es würde mich nicht wundern, wenn sich herausstellen würde, dass er heimlich auch als Maler tätig ist. Seit 2017 sind nun drei Bücher von ihm erschienen, in denen er die antiken griechischen Mythen nacherzählt, und er tut dies nicht nur mit souveränem Überblick und beeindruckender Belesenheit, sondern auch mit dem nötigen ironischen Abstand und Witz, um die Stoffe unterhaltsam an die heutigen Leserinnen und Leser zu bringen.

Die bis dato erschienenen Bände umfassen das gesamte für zumindest die drei letzten Jahrhunderte relevante Material (mit Ausnahme der Erzählungen der Odyssee, die wahrscheinlich den nächsten Band füllen werden), angefangen mit der Kosmologie und Theogonie der Griechen und endend mit der Erzählung um den 10 Jahre andauernden Helena-Krieg der Griechen und Trojaner.

Seltsamerweise habe ich nichts gefunden, über das ich mich beschweren könnte (einzig im ersten und dritten Band fehlt jeweils ein In­halts­ver­zeich­nis, was aber durch ein angehängtes Register wett gemacht wird). Fry erzählt die Mythen nicht nur stilistisch elegant und unaufgeregt nach, er lässt es unter den Göttern auch hübsch menscheln, lässt sie die hübschesten Banalitäten austauschen und macht die griechische Antike überhaupt so alltäglich, wie sie wohl einstmals auch gemeint gewesen ist. Das alles ist auch für einen Leser wie mich, der die Stoffe alle mehr oder weniger gut kennt, mit Vergnügen zu lesen und wieder zu lesen. Fry lässt auch die kleineren mythologischen Erzählungen (Hero und Leander, Philemon und Baucis etc.) nicht aus, er weiß überall kurze und sehr präzise Hinweise zur Deutung und Bedeutung der Mythen zu streuen, so dass man bemerkt, was hier noch zu heben wäre, wenn man Zeit und Lust dazu hat, aber dies geschieht immer nur nebenbei und mit leichter und sicherer Hand; und in den Fussnoten blitzt dann und wann Frys umfassende klassische Bildung auf.

Band 1 beginnt mit der Theogonie und umfasst die Mythen der Frühzeit (Erschaffung der Menschen, Kulturstiftung, Verwicklung und -mischung der Götter und Menschen); Band 2 konzentriert sich auf die Erzählung der sogenannte Heldenzeit der Griechen (Perseus, Herakles, Bellerophon, Orpheus, Jason, Atalanta, Ödipus und Theseus) und der 3. Band umfasst, wie schon der Titel sagt, den Sagenkreis um den Trojanischen Krieg herum. Ich warte nun mit Spannung auf die Nacherzählung der Odyssee, die wohl die Reihe beschließen wird.

Die ersten beiden Bände liegen auch schon auf Deutsch vor (bei Aufbau, übersetzt von Matthias Frings); ich habe keinen Zweifel, dass auch der dritte Band bereits in Arbeit ist.

  • Stephen Fry: Mythos. o.O.: Penguin / Random House, 2018. Broschur, 442 Seiten. Etwa 10,– €.
  • Stephen Fry: Heroes. o.O.: Penguin / Random House, 2019. Broschur, 476 Seiten. Etwa 10,– €.
  • Stephen Fry: Troy. o.O.: Penguin / Random House, 2021. Broschur, 414 Seiten. Etwa 10,– €.

Friedrich Dürrenmatt: Das Stoffe-Projekt III & IV

Ob es sich um die Abschreckung durch Atombomben, um Atomkraftwerke, um die Lagerung von Atommüll, um die Plünderung unseres Planeten usw. handelt, immer reden diejenigen, welche daran glauben, uns ein, wir sollen glauben, was sie tun, sei absolut sicher.

Die 1990 erschienen Stoffe IV–IX unterscheiden sich deutlich von dem beinahe 10 Jahre älteren Band. Dürrenmatts Verleger Daniel Keel hatte gehofft, der zweiten Band könne bereits kurz nach dem ersten erscheinen, doch Dürrenmatts Arbeitsweise, der Tod seiner Frau Lotti im Jahr 1983, seine neue Beziehung zu Charlotte Kerr, die ihn zurück zum Drama brachte, all dies beeinflusste und unterbrach immer wieder die Arbeit an der Fortsetzung. Zudem bewiesen einige der Stoffe sich als so dynamisch, dass sie sich in eigenständige Projekte verwandelten, so etwa den 1989 herausgegeben letzten Roman Dürrenmatts Durcheinandertal.

Es wundert bei der langen Entstehungszeit nicht, dass der zweite Band deutlich uneinheitlicher geraten ist. Der große biographische Bogen wird nur teilweise fortgesetzt, die biographische Erzählung wird insgesamt bruchstückhafter und anekdotischer. Zugleich nimmt der essayistische Anteil des Textes deutlich zu. Auch bleiben die Stoffe selbst eher skizzenhaft und summarisch, wie es auch schon für Der Rebell im ersten Bad festgestellt wurde. Wie man die ausgewählten Stoffe letztendlich beurteilt, hängt sicherlich von zahlreichen Vorbedingungen ab. So ist etwa das abschließende Kapitel Das Hirn, das so etwas wie ein evolutionäres Gesamtbild der Entstehung des Universum als Fiktion eines freischwebenden Bewusstsein versucht, inhaltlich heute kaum mehr überzeugend, was aber auch daran liegt, dass heute selbst der oberflächlichste Konsument des Fernsehen mit so zahlreichen Dokumentationen über alles mögliche zugeschüttet wird, dass ihm das alles als alte Kamellen erscheinen dürfte. Hier war die Rezeptionssituation in den 1980er Jahren, auf die Dürrenmatt zielte, natürlich eine komplett andere. Alles in allem ist eine angemessene Lektüre dieser Texte nicht einfach.

Eine zumindest für Dürrenmatt-Kenner wichtige Ergänzung dürfte seine Rekonstruktion seines ersten Theaterstücks Der Turmbau zu Babel sein, die sich im Anhang zu Band IV dieser Ausgabe findet. Dürrenmatt hatte zumindest einen Teil der ersten Fassung vernichtet; andere Teile sind wohl eher ungewollt erhalten geblieben. Aus demselben Stoffkreis hat Dürrenmatt dann später Ein Engel kommt nach Babylon (1953) entwickelt, eines seiner zahlreichen religiös grundierten Dramen.

Band III liefert unter anderem ergänzend dazu eine ganze Reihe weiterer Stoffe, die es nicht bis in die publizierte Fassung geschafft haben; wichtig ist hier auf jeden Fall Dürrenmatts breite Auseinandersetzung mit dem Prometheus-Mythos.

Diese Reihe von Besprechungen ist von der Frage ausgegangen, ob der hier betrieben Aufwand von den Texten der beiden veröffentlichten Bände gerechtfertigt werden kann. Für Dürrenmatt-Kenner und die -Liebhaber liegt hier eine reiche Fundgrube vor, die sie lange beschäftigen kann; allen, die dem Propheten von Konolfingen – sicherlich mit gutem Grund – eher mit einigen Distanz gegenüberstehen, werden den hier betriebenen archivalischen Eifer wohl übertrieben finden. Aber ein Archiv muss natürlich tun, wozu es da ist. Und zu entdecken gibt es tatsächlich manches, Wenn es eben auch sehr speziell ist.

Friedrich Dürrenmatt: Das Stoffe-Projekt. Hg. v. Ulrich Weber u. Rudolf Probst. Zürich: Diogenes, 2021. 5 Bände, Leinen, Fadenheftung, Lesebändchen, 2208 Seiten. 400,– €.